„Cinema Rosa“ – Filmabend im Office der Rosa-Luxemburg-Stiftung Tel-Aviv

Am 7. Januar 2015 fand in den Räumlichkeiten des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel-Aviv eine Veranstaltung im Rahmen des „Filmklubs Rosa“ statt. Jeden zweiten Monat lädt das Team der RLS zu einem gemeinsamen Filmabend ein, der sowohl die aktuelle gesellschaftspolitische Situation in Deutschland und Europa als auch Aspekte des historisch besonderen Verhältnisses zwischen Deutschland und Israel thematisieren soll. Zu Beginn des neuen Jahres wurde der Dokumentarfilm „Jalda und Anna – Erste Generation danach“ von Regisseurin Katinka Zeuner aus dem Jahr 2012 gezeigt.

Trotz kräftigem Sturm und Regen kamen rund 25 Gäste und nach der Begrüssung dieser und der zwei, aus Berlin angereisten, Protagonistinnen durch die Leiterin des Büros, Dr. Angelika Timm, führten Jalda Rebling und Anna Adam kurz in die Thematik und in den Entstehungskontext ihres Films ein.

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„Es darf Spass machen, jüdisch zu sein“, sagt Jalda zu Beginn des Films und nimmt damit leitmotivisch das zentrale Thema des Films vorweg. „Das ist jetzt sehr verkürzt formuliert”, fügt sie an, „der Weg, der dazwischen liegt, war jedoch ziemlich heftig.“ Diesen Weg der Auseinandersetzung der Protagonistinnen mit den traumatischen Erlebnissen ihrer Eltern und ihr dadurch entwickeltes Verständnis von einem modernen Judentum haben die Filmemacher Katinka Zeuner und Benjamin Laser zweieinhalb Jahre begleitet.

Die Künstlerinnen Jalda Rebling und Anna Adam leben zusammen in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie sind Jüdinnen, Töchter von Müttern, die Auschwitz überlebten, und gehören somit zur „ersten Generation danach“.

Der Dokumentarfilm erzählt von der Herausforderung an die beiden Frauen, mit ihrer Vergangenheit und ihren jeweiligen Erinnerungen umzugehen und diese in ihren Alltag durch künstlerischen Dialog zu integrieren. Die Kindheit beider war geprägt durch die Traumata ihrer Mütter, die unter der Naziherrschaft Schreckliches erleiden mussten, und dennoch findet Anna, dass „die Vergangenheit ein Sprungbrett sein sollte und nicht ein Sofa“. Es sind diese einprägsamen Worte, die sich durch das Leben der beiden Frauen ziehen und einen lebendigen und unkonventionellen Blick auf jüdisches Leben der Gegenwart in Berlin widerspiegeln. Anfang der 1990er Jahre lernten sich die zwei , beide an einem Tiefpunkt in ihrem Leben angekommen, persönlich kennen und einige Zeit später wurden sie ein Paar. Gemeinsam machten sie sich daran, die Traumata zu überwinden, die von ihren Müttern an sie weitergegeben worden waren, und begannen einen positiven und freudvollen Bezug zu ihrem Jüdischsein zu finden.

Quelle: http://www.rosalux.de/fileadmin/ls_sh/bilder/Veranstaltungen/2012/anna_jalda.jpg

Der Film setzt dort an, wo die beiden Frauen heute stehen, und erzählt, wie sie sich – quer zu den Konventionen der jüdischen Community und auch zu den herrschenden Vorstellungen der nicht-jüdischen deutschen Gesellschaft – auf eigenwillige und hartnäckige Weise eine eigene jüdische Lebensweise geschaffen haben. Jalda, Tochter der bekanntesten Jiddisch-Sängerin in der DDR, Lin Jaldati, ist eine der wenigen ordinierten jüdischen Kantorinnen in Deutschland und untermalt den Film mit ihrer wunderbar ausdrucksvollen Stimme. Ausserdem schafft sie in der selbstgegründeten egalitären jüdischen Gemeinde „Ohel Hachidusch“ für sich und andere hierarchiefreie Räume und kreiert neue Rituale und Traditionen, die dem Anspruch auf Gleichberechtigung und Basisdemokratie gerecht werden. Anna ist bildende Künstlerin, Malerin, Buchillustratorin und Aktionskünstlerin; ihr gelingt es, mit ihren Kunstprojekten den herrschenden Gedenkkanon zu unterwandern und zu ebenso satirisch wie ernst gemeinten Auseinandersetzungen mit dem Judentum einzuladen. Im Film erleben wir sie in ihrem Atelier und auf der Reise mit ihrem „Happy Hippie Jew Bus“. Satire und Provokation gehören zu den künstlerischen Mitteln, mit denen sie Kinder und Jugendliche und die oft in Abwehr oder in ritualisiertem Gedenken erstarrten Erwachsene auflockern und zu neuen Fragen anregen will. Ihr Programm „Feinkost Anna“ definiert sie als Satire zur „Heilung der deutsch-jüdischen Krankheit“.

Quelle: http://media.kika-dresden.de/filmbilder_gross/9187/Jalda-und-Anna-2.jpg

Jalda und Anna arbeiten auch auf beruflicher Ebene eng zusammen und entwickelten bereits etliche Projekte gemeinsam, in denen sie stetig die Grenzen des Bestehenden erweitern. Dabei ist ihr hoch reflektierter Gegenwartsalltag von der Vergangenheit und den Erfahrungen mit der Shoah nicht zu trennen. In diesem Spannungsfeld zwischen Familie und Gesellschaft entwickelten sie ihr scharfes politisches Bewusstsein und das Bedürfnis, sich durch die Benennung und die stetige Verneinung von Klischees einzumischen.

Es ist der Regisseurin gelungen, einen Film zu schaffen, der mit Freude und Satire aus einer oft wie betoniert erscheinenden Sackgasse des Gedenkens und Erinnerns an die deutsch-jüdische Vergangenheit hinausführt. Der vielfach formelhaften und oberflächlichen Beschwörung des Schreckens auf der einen und des Ignorierens und Verdrängens auf der anderen Seite wird die Perspektive der lebensbejahenden Hauptfiguren gegenübergestellt, die die eigene jüdische Identität aus immer neuen Blickwinkeln hinterfragen. „Jalda und Anna – Erste Generation danach“ zeichnet die Porträts zweier Frauen, die heute selbstbewusst und stolz auf ihre jüdische Identität in Deutschland leben, sich mit Bestimmtheit und Humor ihren Platz in der Gesellschaft erobert haben und diesen immer wieder neu gestalten.

In der sich an die Filmvorführung anschließenden Diskussion erzählten Jalda und Anna über ihre Familien und ihre Kindheit, welche bei beiden, jeweils auf eigene Art und Weise, spezifisch jüdisch war. So war das Publikum besonders interessiert zu erfahren, welche Rolle das Judentum in der Kindheit beider spielte und wie sich diese im Laufe der Jahre entwickelte. Jalda, als Tochter der großen Sängerin jiddischer Lieder Lin Jaldati, wurde von ihrer Mutter mehr oder weniger gezwungen, mit ihr auf der Bühne zu stehen (was diese heute natürlich nicht bereut) und lernte so schon in frühen Jahren, das Jiddische zu beherrschen. Anna, als einziges jüdisches Kind in ihrer Schulklasse und Tochter einer proletarischen Köchin, lernte dieselben jiddischen Lieder von ihrer Mutter, welche diese stets beim Kochen vor sich hin summte. Außerdem berichteten die beiden Frauen von den vielen verschiedenen feministischen und politischen Aktivitäten, die sie mit Jugendlichen und Erwachsenen in ganz Deutschland durchführen. So machen sie überraschend- und glücklicherweise selbst in Gegenden, die wegen Aktivitäten rechtsextremistischer Gruppen als „berüchtigt“ gelten, gute Erfahrungen. Auf die abschließende Frage des Publikums, ob sie auf ihrer Tour je als Jüdinnen angegriffen worden seien, antworteten Jalda und Anna einstimmig und ganz entschieden: „Nein, niemals!“

Laura Machler

The Art of the Street – South Tel-Aviv – Part 2

Wie versprochen folgt heute ein weiterer Teil der Serie „The Art of the Street“ mit Kunstwerken aus den Straßen Süd Tel-Avivs. Dieses Mal möchte ich die Bilder allerdings unkommentiert lassen um den Lesern und Leserinnen die Möglichkeit zu bieten die Bilder ganz unvoreingenommen auf sich wirken zu lassen.

 

 

The art of the street – South Tel Aviv – Part 1

Heute möchte ich Euch im Blog einige Impressionen aus den Straßen Tel Avivs näher bringen. Als das säkulare Zentrum Israels ist Tel Aviv auch ein Sammelbecken für allerhand politischer Gruppierungen und Kräfte.  Insbesondere in den Straßen Süd Tel Avivs, vor allem in dem jungen und alternativen Viertel „Florentine“, lassen sich an nahezu jeder Ecke künstlerische Ausdrücke der politischen und sozialen Kämpfe  innerhalb der israelischen Gesellschaft nachzeichnen.

Aber warum ausgerechnet Street Art werden manche fragen? Wäre es nicht einfacher, das politische Spektrum der vertretenen Parteien in der Knesset genauer zu betrachten und daraus ein Résumé zu ziehen um ein Bild der politischen Realität in Israel zu bekommen?

Ich bin der Meinung, dass die Kunst der Straße ein, im Vergleich zu  Parteien und offiziellen Stellungnahmen politischer Repräsentanten,  anderes Bild der politischen und sozialen Realität widerspiegelt. Street Art ist verankert in der gesellschaftlichen Basis. Sie drückt die politischen Meinungen und die Kämpfe in der Gesellschaft, und nicht die ihrer politischen Vertreter im Parlament aus. Der immanente Widerspruch zwischen politisch Herrschenden und  Beherrschten  schafft dabei genau die sozialen Verhältnisse, in denen das Medium Street Art zu einer  Ausdrucksform der Kritik und des politischen Protests werden kann.

Einige der folgenden Bilder haben in diesem Sinne einen direkten Bezug zur aktuellen israelischen Politik unter der Regierung des Premierministers Benjamin Netanjahu und seiner konservativ-nationalen Partei, dem „Likud“. Im Kontext der jüngsten militärischen Eskalation im israelisch-palästinensischen Konflikt im Sommer diesen Jahres ist vermehrt kritische Kunst gegenüber dem Kurs der Regierung auf der Straße zu finden.

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„Did u sleep OK, Bibi ?“ spielt natürlich auf den Premierminister Netanjahu an, der weitläufig hin nur „Bibi“ genannt wird.
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Im Original war zu lesen: „marry an Arab“

An dem Bild rechts lässt sich gut veranschaulichen,  dass Street Art, neben seiner Funktion als Ausdruck des politischen Protests, selbst zu einer Art Austragungsplattform des politischen Kampfes werden kann. In nicht wenigen Fällen werden politische Botschaften von ideologisch anders motivierten Künstlern übermalt, überklebt oder so verändert, dass der Inhalt der Botschaft nicht mehr dem Original entspricht.

Auf dem Porträt von Netanjahu ist zu lesen "Viel Erfolg euch Allen im Klassenkampf - # Bibi der König"
Auf dem Porträt von Netanjahu ist zu lesen „Viel Erfolg euch Allen im Klassenkampf – # Bibi der König“

Das folgende Bild spielt unter anderem sarkastisch auf den Begründer des Zionismus und den Visionär des jüdischen 1908403_846505782027504_4736282977194288735_nStaates, Theodor Herzl an.  Sein vielzitierter Aufruf aus dem Roman „Altneuland“ aus dem Jahre 1902 lautete: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.“  Das Porträt im oberen rechten Bildrand ist betitelt mit den Worten „Lo rotzim, lo zarich“, was sinngemäß mit  „Wenn ihr nicht wollt, dann ist es kein Muss“ bzw. „Wer nicht will, der hat schon“ übersetzt werden kann. Darunter befindet sich in Anlehnung an den Mount Rushmore in den USA,  der HAR ROSHMORE (Har=Berg; Rosh=Kopf). Er zeigt ganz links den ersten Premierminister des Staates Israel, David Ben Gurion, daneben vermutlich Levi Eshkol, Golda Meir und ganz rechts Menachem Begin, allesamt ehemalige Ministerpräsidenten des Staates Israel.

Viele Bilder in Florentine zeigen eine eindeutige Botschaft, die sich für eine friedliche Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern ausspricht. Das erste Bild von rechts fordert eine „Einstellung des Feuers“ bzw.  „Waffenruhe“.

Der Slogan „Isra-hell“  auf diesem Bild ist nicht nur auf den Straßen Europas zu lesen, sondern DSCF0590auch in Tel Aviv präsent.

Auf dem unteren Bild ist ein Haredi, ein streng orthodoxer Jude zu sehen der vor einem Straßenschild steht, welches die Richtungen nach Tel Aviv und nach DSCF0602Jerusalem zeigt. Meine Interpretation des Bildes ist, dass er vor der Entscheidung steht ein säkulares Leben in Tel Aviv zu führen, oder ein streng religiöses Leben in Jerusalem.  Da er noch unentschlossen ist, sucht er vielleicht eine Antwort in den heiligen Schriften des Judentums. Das Bild symbolisiert meines Erachtens somit auch den Kontrast zwischen dem säkularen Tel Aviv und dem religiösen Jerusalem. Die grundsätzliche Diskrepanz zwischen einer säkularen und einer streng religiösen Weltsicht ist in vielen Aspekten  der israelischen Gesellschaft wiederzufinden, und die Kluft zwischen den beiden Polen scheint immer größer zu werden.

Abschließend möchteDSCF0607 ich Euch für heute noch folgenden Schnappschuss zeigen. Als ich die Aufnahme machte habe ich mich gefragt, was feministische Gruppen wohl zu dieser Art von Pazifismus sagen würden???

Da es in Tel Aviv noch massig Street Art gibt und ich noch nicht einmal ansatzweise alle Spots sichten konnte, wird die Reihe „The art of the street“ in den nächsten Tagen bzw. Wochen fortgesetzt werden.

„Cinema Rosa“ – Filmabend im Office der Rosa-Luxemburg-Stiftung Tel-Aviv

Quelle: http://www.icestorm.de/media/film/pictures/19083%20JAKOB.jpg

Letzte Woche, am 3.9.2014, fand in den Räumlichkeiten des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) in Tel-Aviv eine Vorführung im Rahmen des „Filmklubs Rosa“ statt. Wie jeden zweiten Monat lud das Team der RLS zum gemeinsamen Filmabend ein, der die aktuelle gesellschaftspolitische Situation in Deutschland und Europa, wie auch Aspekte des historisch besonderen Verhältnisses zwischen Deutschland und Israel thematisieren soll. Im Rahmen der Reihe „Die Entwicklung antifaschistischen Bewusstseins im deutschen Film nach 1945“ wurde der DEFA-Spielfilm „Jakob der Lügner“ aus dem Jahre 1974 von Regisseur Frank Beyer im deutschen Originalton mit hebräischen Untertiteln gezeigt.

Nach der Begrüßung der rund 45 Gäste, gab es eine kurze Einführung in die Thematik des Films und in den Entstehungskontext durch die Leiterin des Büros, Frau Dr. Angelika Timm.

Der Fokus der Einleitung lag in erster Linie auf dem Umgang mit der Shoah in Ost- und Westdeutschland nach 1945. Mit der Teilung Deutschlands durch die alliierten Siegermächte und der Entstehung zweier deutscher Staaten ging auch ein unterschiedliches Verständnis für die Aufarbeitung der Geschichte und des Zivilisationsbruches der Shoah einher. Neben den personellen Kontinuitäten in nahezu allen relevanten gesellschaftlichen Bereichen in der BRD ist festzuhalten, dass in den ersten Jahren nach Kriegsende der Antisemitismus und der industrielle Massenmord in Westdeutschland kaum thematisiert wurden. Erst die Studentenbewegung der 68iger stellte die relevante Frage, wie es zu Ausschwitz und der industriellen Vernichtung von Millionen von Menschen kommen konnte.

In der DDR hingegen berief sich die Führung von Beginn an darauf, die historischen Lehren aus dem Nationalsozialismus gezogen zu haben. Die politische Führung rekrutierte sich dabei selbst vornehmlich aus Verfolgten des NS-Regimes (verfolgte Kommunisten & NS-Widerstandskämpfer), weshalb die antifaschistische Tradition und der Widerstand gegen faschistische Tendenzen als grundlegende Legitimation der DDR betrachtet wurden.

Zwar wurde in der DDR die Shoah bereits in den ersten Nachkriegsjahren thematisiert und die Bekämpfung des Antisemitismus als zentrale Aufgabe angesehen, jedoch fand dies stets im Kontext der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus statt. Die spezifische Dynamik des Antisemitismus und die Singularität der Shoah konnten so nur unzureichend begriffen und – sofern überhaupt möglich – aufgearbeitet werden. Auf den Gedenktafeln der ehemaligen Konzentrationslager wurden beispielsweise die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung lediglich nach ihrer Staatsangehörigkeit benannt und betrauert. So wurde den russischen-, den polnischen-, den slawischen Opfern etc. der nationalsozialistischen Herrschaft gedacht. Das spezifische Moment und die Singularität der Shoah kamen in diesem Sinne überhaupt nicht zur Geltung. Die industrielle Vernichtung des europäischen Judentums lässt sich nicht aufgrund der Staatsangehörigkeit erklären, sondern lediglich aufgrund der Tatsache, dass es sich um Juden und Jüdinnen gehandelt hat.

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Die Handlung des Films versetzt den/die Zuschauer/in in das Leben im Ghetto Lodz im Jahre 1944. Der Protagonist Jakob Heym muss sich aufgrund des vermeintlichen Verstoßes gegen die Ausgangssperre bei der Gestapo melden. Durch Zufall kann er dort eine Meldung im Radio hören und erfährt, dass die Rote Armee auf dem Vormarsch ist. Er gibt die Meldung an die anderen Inhaftierten weiter, um ihnen Kraft und Zuversicht zu geben. Seine Leidensgefährten schöpfen daraufhin neue Hoffnung, woraufhin die Rate der Selbstmorde im Ghetto sinkt. Um die Hoffnung für die Bewohner weiterhin aufrecht zu erhalten und die Neugierde der anderen Häftlinge zu befriedigen, erfindet Jacob unentwegt neue Lügengeschichten, die er angeblich über sein Radio empfangen hat. Ein kleines Mädchen aus dem Ghetto, zu dem Jakob ein freundschaftlich-väterliches Verhältnis pflegt, entdeckt eines Tages, dass Jakob gar kein Radio besitzt und die Nachrichten frei erfunden sind. Trotz der offenkundigen Schwindelei, klammern sich die Menschen im Angesicht der fortschreitenden Deportation des Ghettos an die fiktiven Nachrichten von Jakob.

Der Film „Jakob der Lügner“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jurek Becker. Der Film war die einzige Produktion aus der staatseigenen „Deutschen Film-Aktiengesellschaft“ (DEFA) der DDR, die für den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film nominiert wurde. Aufgrund der verschärften politischen Situation während des Kalten Krieges in den 1970er Jahren ist es durchaus denkbar, dass der Film vor der Jury in Hollywood nicht neutral bewertet wurde.

Die rege Diskussion im Anschluss an den Film lässt darauf schließen, dass der Film die Zuschauer/innen zum Nachdenken angeregt hat und die Veranstaltung somit erfolgreich war.

Symposium mit Dr. Gregor Gysi und Neueröffnung des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv am 12.06.2014

Der Donnerstag war ein ereignisreicher Tag. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung lud zum Symposium „Demokratie in der Krise. Linke Antworten in Europa und Israel“ im Beit Sokolov in Tel Aviv, unter anderem mit Dr. Gregor Gysi, ein: Moderiert wurde in hebräischer Sprache mit Simultanübersetzung durch die Büroleiterin des Israel Büros der RLS, Dr. Angelika Timm. Die Referenten zu obigem Thema waren: , Dr. Gregor Gysi, Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE und Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, Dov Khenin, Knessetmitglied von CHADASCH, Tamar Zandberg, Knessetmitglied der MERETZ-Partei und Fidaa Nara Abu Dbai, Co-Direktorin der jüdisch-arabischen NGO Mahapach-Taghir. Das Symposium wurde von ca. 200 Menschen besucht.
Informationen über den Inhalt des Symposiums können auf der Homepage der RLS in Israel gefunden werden: http://www.rosalux.co.il.
Anschließend fand eine rege Diskussion statt. Es gab im Vorfeld kritische Stimmen zu Gregor Gysis Besuch in Israel vor allem von Seiten der hiesigen Boykottbewegung („Supporting the Palestinian BDS Call from within. BOYCOTT http://www.boycottisrael.info; http://bit.ly/DieLinke), wobei offene Briefe an Gysi vor der Veranstaltung zirkulierten. Insgesamt dominierte jedoch eine sachliche und konstruktive Atmosphäre. Das Symposium war somit ein voller Erfolg. Ebenso die anschliessende Pressekonferenz von 17-18h ebenfalls im Beit Sokolov.
Am Abend gegen 19h hatten wir die offizielle Neueröffnung des Israel Büros der RLS auf dem Rotshild Boulevard 11, wohin wir vor ca. einem Monat umgezogen waren. Auch hier hatten wir die Ehre, Gregor Gysi bei uns zu haben, der nach einer Rede von Dr. Angelika Timm, die auf die geschichtliche Bedeutung des Ortes verwiesen hatte (Independence Hall, soziale und politische Proteste auf dem Boulevard), und nach Grußworten des deutschen Botschafters, sprach.
Gysi betonte nochmals, dass er sich ein jüdisches und unabhängiges Israel wünsche, dies aber nur umsetzbar wäre, wenn es auch ein unabhängiges und lebensfähiges Palästina gebe.
Im Anschluss sprach Bodo Ramelow, Fraktionsführer von DIE LINKE im Land Thüringen und Mitglied des Landtages. Er überbrachte insbesondere die Grüße und Wünsche des Vorstands der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Der Empfang im Büro war von ca. 120 Menschen besucht worden; es bot sich die Gelegenheit, viele Partnerorganisationen von uns kennenzulernen und es fand ein reger Austausch statt.
Ich freue mich sehr, in meiner Praktikumszeit viele ereignisreiche Tage miterlebt zu haben, aber vor allem freue ich mich, beim Symposium und der Eröffnung des Büros der RLS dabei gewesen zu sein.
Für weitere Informationen und ausführliche Berichte besucht bitte die Homepage der RLS in Israel:
http://www.rosalux.co.il

 

Tour zum Center for Humanistic Education und Besuch des Ghettokämpfer-Hauses

Am Mittwoch, dem 11.Juni 2014, organisierte das Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Tour für eine deutsche Delegation zum Center for Humanistic Education (CHE) und zum Museum der Ghettokämpfer (Beit Lochamei HaGettaot) in einem Kibbutz in der Nähe von Haifa im Norden Israels.
Die Delegation bestand aus Mitgliedern der Rosa-Luxemburg-Stiftung von Berlin und Brandenburg sowie aus Politikern, wie Bodo Ramelow, MdL und Fraktionsvorsitzender DIE LINKE in Thüringen.
Das Museum der Ghettokämpfer wurde im April 1949 auf einem Hügel gegründet. Es überblickt das Ackertal und befindet sich in alten Gebäuden der britischen Armee. Unter den Gründern, alles Überlebende der Schoah, waren auch die letzten Überlebenden des Aufstandes im Warschauer Ghetto, Partisanen, Gefangene der Konzentrationslager sowie Menschen, die sich versteckt und eine falsche Identität angenommen hatten.
Sie hatten einen Kibbutz in Westgaliläa gegründet, um ihrer Familien zu gedenken, die während der Schoah umgekommen waren. Ebenfalls gründeten sie ein Museum, das dem Erbe des jüdischen Widerstands gewidmet wurde. Das am 6. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto eröffnete Haus der Ghettokämpfer war das erste Museum der Schoah in der Welt.
Es erzählt die Geschichte der Schoah aus jüdischer Sicht und betont insbesondere die Tapferkeit, die spirituelle Stärke und Fähigkeit der überlebenden Widerstandskämpfer, nach Ende des Zweiten Weltkrieges ihr Leben wieder neu aufzubauen und einen Staat zu gründen, von dem sie geträumt hatten.
Das Museum unterscheidet sich in seiner r Konzeption völlig von Yad Vashem in Jerusalem. Die Räume sind größtenteils für Gruppen gemacht und für Diskussionen geradezu geschaffen. Ebenso ist es nicht wie ein Rundgang durch ein Museum aufgebaut, sondern man selbst entscheidet, wieviel man sehen bzw. gedenken möchte. Im Gegensatz zu Yad Vashem, wo ein Rundgang zu einem großen Balkon führt, der den erlösenden Blick auf Jerusalem freigibt, hat das Museum des Ghettokämpfer-Hauses keine Lösung parat. Es regt zum Nachdenken an und lädt zum Diskutieren ein.
Das Center for Humanistic Education vertritt die Auffassung, dass die Beschäftigung mit der Schoah in die Schaffung einer humanistischen, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft einmünden sollte. Es versucht nichtdemokratischen Tendenzen in der hiesigen Gesellschaft entgegenzuwirken, und zwar durch Erfahrungen, die aus Sicht der Schoah gespeist sind. Diese Perspektive wird auf Bildung und Erziehung erweitert.
Im Rahmen des von der RLS geförderten Projektes „Teaching about the Holocaust – Educating for Democracy“ erfolgt eine themenrelevante Weiterbildung von Lehrern aller Fachgebiete. Sie beinhaltet Trainingsprogramme, die die Teilnehmenden anregt, Verbindungen zwischen der Schoah und persönlichen bzw. gesellschaftlichen Moralvorstellungen sowie deren Prägung in der israelischen Realität herzustellen. Besonders spannend ist hierbei die Begegnung zwischen arabischen bzw. palästinensischen und jüdischen Jugendlichen, was ein großes und herausforderndes Projekt darstellt.
Die Fahrt wurde von allen Beteiligten als äußerst wichtig und erfahrungsreich wahrgenommen. Die Arbeit des CHE und des Museums sind einzigartig, die entsprechenden Ansätze in Deutschland jedoch leider fast unbekannt. Der Direktor des CHE, Yariv Lapid, der lange Zeit für die pädagogische Infrastruktur der KZ-Gedenkstätte Mauthausen zuständig war, betont die Rückständigkeit der Arbeit mit Jugendlichen und Kindern in deutschen Gedenkstätten. Während in Israel ganze Programme und theoretische Konzepte für eine fachgerechte Vermittlung vorliegen, ja sogar ein ganzer Forschungsbereich besteht, werden in europäischen Gedenkstätten noch immer reine Vorträge gehalten, prallt innerhalb von zwei Stunden die Realität der Schoah auf Kinder und Jugendliche ein, ohne diese vor-bzw. nachzubereiten.

 

Combatants for Peace: Alternative Erinnerungstags-Zeremonie zum Jom Hazikaron

Als ich mich so gegen acht Uhr abends am 4.05.2014 auf dem Weg zum Tel Aviver Messegelände mache und an der Bushaltestelle in der Tschernikowsky Strasse befinde, erschallen plötzlich die Sirenen in der Stadt. Die Menschen halten inne, Autos stoppen, Menschen stehen auf und gedenken der Gefallenen.
Bald am Messegelände angekommen, stelle ich fest, dass fast alle Menschen, die im Bus mit mir fuhren, ebenfalls hier aussteigen. Ich folge ihnen und wir kommen schließlich zu einer noch größeren Menschenmenge, die sich am Eingang mit den Security-Kräften anstellt. Begleitet, jedoch von der Polizei abgeschirmt, wird der Einlass von einer Gegendemonstration rechter AktivistInnen, die uns auf Hebräisch zurufen, dass es für uns keinen Platz in diesem Land gäbe. Später erfahre ich, dass diese Gegendemo ca. 150 Menschen versammelte, wohingegen wir, die zum alternativen Jom Hazikaron gingen, ca. 2700 Menschen zählten.
Die alternative Erinnerungstags-Zeremonie findet bereits zum 9. Mal statt und ist das größte jährliche Event der Organisation „Combatants for Peace“. In der Zeremonie gibt es nicht nur für die persönlichen Geschichten des Leids von israelischen Familien einen Platz, sondern eben auch, und das ist fast einzigartig in Israel, für palästinensische BürgerInnen Israels und den besetzen Gebieten.
Die Zeremonie wurde vor neun Jahren von Buma Inbar initiiert, deren Sohn Yotam 1995 im Libanon gefallen war. Viele Intellektuelle und AktivistInnen sprachen auf der Zeremonie bisher, unter anderem Prof. Eva Illouz, israelische Soziologin, die sich u.a. mit Fragen vom Zusammenhang von Kapitalismus und Konsumgesellschaft auseinandersetzt und an der Hebräischen Universität forscht und doziert.. „Combatants for Peace“ schreiben auf ihrer Webpage explizit, diese Veranstaltung zeige, dass Frieden prinzipiell möglich sei. Kritisiert werden kann zwar, dass die Anzahl der palästinischen TeilnehmerInnen weitaus geringer ist als die der Israelis, aber trotz allem, so formulierten es meine zwei Sitznachbarinnen bei der Veranstaltung: „This is the place to be on Remembrance Day!“
Tradition ist es, dass am Ende der Veranstaltung der Shirana Chor, bestehend aus palästinensischen und israelischen Frauen, das Pessachlied Chad Gadya in der Version von Chava Alberstein singt, jedoch auch auf arabisch. Das Video zum Lied ist nebenan auf dem Blog zu finden. Des weiteren findest du die volle Aufzeichnung der Zeremonie ebenfalls auf dem Blog, es gibt englische Untertitel.
Das Israel-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt die alternative Erinnerungstags-Zeremonie der „Combatants for Peace“!

http://cfpeache.org

http://www.ajcc-jaffa.org/index.php?lang=EN

AEJI Tagung zur Klimapolitik in Israel

“Everyone has the right to a standard of living adequately for the health and well being of himself or herself and of his or her family, including food, clothing, housing & medical care and necessary social services.”
Dieses Zitat aus der “Universal Declaration for Human Rights, Artikel 25” wacht alle Zeit über die Konferenz der „Association for Environmental Justice in Israel“ an der Universität Tel Aviv, einer meiner ersten offiziellen Konferenz-Besuche vom Auslandsbüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Israel.
Zur Konferenz der AEJI, unserer Partnerorganisation, die am 3. April in der Tel Aviver Universität im Buchmann-Gebäude der juristischen Fakultät mit dem Titel „Climate Policy in Israel“ stattfand und an der ca. 100 Menschen teilnahmen, gibt es folgendes zu sagen: Das Schild mit obigem Zitat steht während der Konferenz neben dem Rednerpult und scheint – so mein Eindruck – ein Reminder zu sein, der eine der generellen Leitlinien der Organisation sowie der Konferenz formuliert. Überhaupt spielen die Verknüpfung von Klimapolitik und die Frage nach sozialer Gerechtigkeit eine ausgesprochen wichtige Rolle. So wurden zum Beispiel die teilweise prekären Bedingungen für öffentlichen Transport in Israel kritisiert, was dazu führe, dass immer mehr mit dem Auto gefahren wird, was logischerweise die Erhöhung der Treibhausgas-Emissionen fördert.
Prof. Dan Rabinowitz, Leiter der Porter School of Environmental Studies der Universität Tel Aviv und Vorsitzender der AEJI hält die Eröffnungsrede zum Thema „Climate Justice – challenging the Comprehensive Climate Policy“. Gleich darauf folgen Eindrücke aus dem Ministerium für Wasser und Energie; Edi Beit-Hazavdi, Vertreter des Ministeriums, schildert was auf deren Seite getan wird. Darauf folgt Doron Avrahami, Vetreter des Ministeriums für Wirtschaft. Kritisch wird hinterfragt, was die Ministerien für die Reduktion der Treibhausgas-Emissionen tun, nachdem die aktuelle Regierung im Rahmen der Haushaltsverhandlungen im Mai 2013 beschlossen hat, die Umsetzung der Klimapolitik, welche auf eine Reduktion der Treibhausgas-Emission abzielen soll, von 2013 auf 2016 zu „verschieben“.
Fakten wurden durch verschiedene Master-Studierende und deren engagierte Forschungen präsentiert: So z.B. Roee Levy, der eine sozial machbare Kohlesteuer fordert und dabei versucht, sozial schwachen Bevölkerungsgruppen nicht zu schaden. Aktuelle Untersuchungen im Zusammenhang mit Umweltverschmutzung, Klima und sozialer Gerechtigkeit geben einen adequaten Eindruck, wie es um die Klimapolitik in Israel steht. Die Studierenden werden eingeführt durch Prof. Azra Churchman.
Es folgt ein internationales Panel, in dem die Situationen in Europa und den USA von
Dr. Noriko Fujiwara (für Europa/CEPS) und Ingrid M. Kollist (für die USA/Generalsekretärin für Umwelt, Wissenschaft, Technologie & Gesundheit/US Botschaft) beleuchtet werden. Europa ist vergleichsweise fortschrittlich, was die Umsetzung der Klimaschutzvorgaben angeht; allerdings geht es hier eher um eine generelle Arbeit zur Reduktion der Energieverbrauchswerte. In den USA wächst zwar das Bewusstsein, dass ein Klimawandel stattfindet (vor allem nach mehreren Klimakatastrophen und Wetteranomalien), jedoch gibt es Schwierigkeiten, was die Mobilisation der BürgerInnen angeht.
Im Hintergrund dieser Konferenz steht die oben genannte Entscheidung der Regierung, sowie das Scheitern eines global-bindenden Abkommens auf internationaler Ebene.
Die Konferenz endet mit einem „Runden Tisch“, an dem etliche aktuelle Fragen diskutiert werden, und der den Zweck hatte zu diskutieren, wie Israel seine Klimapolitik verbessern kann.
Alles in allem, brachte die Konferenz verschiedene Interessensgruppen aus Wissenschaft, öffentlichem Sektor, Behörden und auch viele AktivistInnen zusammen.
Das Programm der Konferenz kann unter folgendem Link nachgelesen werden: http://www.aeji.org.il/sites/default/files/2014_recom_files/convention_program_en_-__climate_policy_in_israel.pdf
Ein umfangreicher Bericht wird demnächst auf unserer Homepage erscheinen:
http://www.rosalux.co.il
Juergen Bogle, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Büro Israel

 

made by the interns of the Rosa-Luxemburg-Stiftung in Israel