„Cinema Rosa“ – Filmabend im Office der Rosa-Luxemburg-Stiftung Tel-Aviv

Am 7. Januar 2015 fand in den Räumlichkeiten des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel-Aviv eine Veranstaltung im Rahmen des „Filmklubs Rosa“ statt. Jeden zweiten Monat lädt das Team der RLS zu einem gemeinsamen Filmabend ein, der sowohl die aktuelle gesellschaftspolitische Situation in Deutschland und Europa als auch Aspekte des historisch besonderen Verhältnisses zwischen Deutschland und Israel thematisieren soll. Zu Beginn des neuen Jahres wurde der Dokumentarfilm „Jalda und Anna – Erste Generation danach“ von Regisseurin Katinka Zeuner aus dem Jahr 2012 gezeigt.

Trotz kräftigem Sturm und Regen kamen rund 25 Gäste und nach der Begrüssung dieser und der zwei, aus Berlin angereisten, Protagonistinnen durch die Leiterin des Büros, Dr. Angelika Timm, führten Jalda Rebling und Anna Adam kurz in die Thematik und in den Entstehungskontext ihres Films ein.

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„Es darf Spass machen, jüdisch zu sein“, sagt Jalda zu Beginn des Films und nimmt damit leitmotivisch das zentrale Thema des Films vorweg. „Das ist jetzt sehr verkürzt formuliert”, fügt sie an, „der Weg, der dazwischen liegt, war jedoch ziemlich heftig.“ Diesen Weg der Auseinandersetzung der Protagonistinnen mit den traumatischen Erlebnissen ihrer Eltern und ihr dadurch entwickeltes Verständnis von einem modernen Judentum haben die Filmemacher Katinka Zeuner und Benjamin Laser zweieinhalb Jahre begleitet.

Die Künstlerinnen Jalda Rebling und Anna Adam leben zusammen in Berlin-Prenzlauer Berg. Sie sind Jüdinnen, Töchter von Müttern, die Auschwitz überlebten, und gehören somit zur „ersten Generation danach“.

Der Dokumentarfilm erzählt von der Herausforderung an die beiden Frauen, mit ihrer Vergangenheit und ihren jeweiligen Erinnerungen umzugehen und diese in ihren Alltag durch künstlerischen Dialog zu integrieren. Die Kindheit beider war geprägt durch die Traumata ihrer Mütter, die unter der Naziherrschaft Schreckliches erleiden mussten, und dennoch findet Anna, dass „die Vergangenheit ein Sprungbrett sein sollte und nicht ein Sofa“. Es sind diese einprägsamen Worte, die sich durch das Leben der beiden Frauen ziehen und einen lebendigen und unkonventionellen Blick auf jüdisches Leben der Gegenwart in Berlin widerspiegeln. Anfang der 1990er Jahre lernten sich die zwei , beide an einem Tiefpunkt in ihrem Leben angekommen, persönlich kennen und einige Zeit später wurden sie ein Paar. Gemeinsam machten sie sich daran, die Traumata zu überwinden, die von ihren Müttern an sie weitergegeben worden waren, und begannen einen positiven und freudvollen Bezug zu ihrem Jüdischsein zu finden.

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Der Film setzt dort an, wo die beiden Frauen heute stehen, und erzählt, wie sie sich – quer zu den Konventionen der jüdischen Community und auch zu den herrschenden Vorstellungen der nicht-jüdischen deutschen Gesellschaft – auf eigenwillige und hartnäckige Weise eine eigene jüdische Lebensweise geschaffen haben. Jalda, Tochter der bekanntesten Jiddisch-Sängerin in der DDR, Lin Jaldati, ist eine der wenigen ordinierten jüdischen Kantorinnen in Deutschland und untermalt den Film mit ihrer wunderbar ausdrucksvollen Stimme. Ausserdem schafft sie in der selbstgegründeten egalitären jüdischen Gemeinde „Ohel Hachidusch“ für sich und andere hierarchiefreie Räume und kreiert neue Rituale und Traditionen, die dem Anspruch auf Gleichberechtigung und Basisdemokratie gerecht werden. Anna ist bildende Künstlerin, Malerin, Buchillustratorin und Aktionskünstlerin; ihr gelingt es, mit ihren Kunstprojekten den herrschenden Gedenkkanon zu unterwandern und zu ebenso satirisch wie ernst gemeinten Auseinandersetzungen mit dem Judentum einzuladen. Im Film erleben wir sie in ihrem Atelier und auf der Reise mit ihrem „Happy Hippie Jew Bus“. Satire und Provokation gehören zu den künstlerischen Mitteln, mit denen sie Kinder und Jugendliche und die oft in Abwehr oder in ritualisiertem Gedenken erstarrten Erwachsene auflockern und zu neuen Fragen anregen will. Ihr Programm „Feinkost Anna“ definiert sie als Satire zur „Heilung der deutsch-jüdischen Krankheit“.

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Jalda und Anna arbeiten auch auf beruflicher Ebene eng zusammen und entwickelten bereits etliche Projekte gemeinsam, in denen sie stetig die Grenzen des Bestehenden erweitern. Dabei ist ihr hoch reflektierter Gegenwartsalltag von der Vergangenheit und den Erfahrungen mit der Shoah nicht zu trennen. In diesem Spannungsfeld zwischen Familie und Gesellschaft entwickelten sie ihr scharfes politisches Bewusstsein und das Bedürfnis, sich durch die Benennung und die stetige Verneinung von Klischees einzumischen.

Es ist der Regisseurin gelungen, einen Film zu schaffen, der mit Freude und Satire aus einer oft wie betoniert erscheinenden Sackgasse des Gedenkens und Erinnerns an die deutsch-jüdische Vergangenheit hinausführt. Der vielfach formelhaften und oberflächlichen Beschwörung des Schreckens auf der einen und des Ignorierens und Verdrängens auf der anderen Seite wird die Perspektive der lebensbejahenden Hauptfiguren gegenübergestellt, die die eigene jüdische Identität aus immer neuen Blickwinkeln hinterfragen. „Jalda und Anna – Erste Generation danach“ zeichnet die Porträts zweier Frauen, die heute selbstbewusst und stolz auf ihre jüdische Identität in Deutschland leben, sich mit Bestimmtheit und Humor ihren Platz in der Gesellschaft erobert haben und diesen immer wieder neu gestalten.

In der sich an die Filmvorführung anschließenden Diskussion erzählten Jalda und Anna über ihre Familien und ihre Kindheit, welche bei beiden, jeweils auf eigene Art und Weise, spezifisch jüdisch war. So war das Publikum besonders interessiert zu erfahren, welche Rolle das Judentum in der Kindheit beider spielte und wie sich diese im Laufe der Jahre entwickelte. Jalda, als Tochter der großen Sängerin jiddischer Lieder Lin Jaldati, wurde von ihrer Mutter mehr oder weniger gezwungen, mit ihr auf der Bühne zu stehen (was diese heute natürlich nicht bereut) und lernte so schon in frühen Jahren, das Jiddische zu beherrschen. Anna, als einziges jüdisches Kind in ihrer Schulklasse und Tochter einer proletarischen Köchin, lernte dieselben jiddischen Lieder von ihrer Mutter, welche diese stets beim Kochen vor sich hin summte. Außerdem berichteten die beiden Frauen von den vielen verschiedenen feministischen und politischen Aktivitäten, die sie mit Jugendlichen und Erwachsenen in ganz Deutschland durchführen. So machen sie überraschend- und glücklicherweise selbst in Gegenden, die wegen Aktivitäten rechtsextremistischer Gruppen als „berüchtigt“ gelten, gute Erfahrungen. Auf die abschließende Frage des Publikums, ob sie auf ihrer Tour je als Jüdinnen angegriffen worden seien, antworteten Jalda und Anna einstimmig und ganz entschieden: „Nein, niemals!“

Laura Machler